Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

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Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon wurstcase » Dienstag, 13. Februar 2018, 09:31:05

Seit Jahren beklagen Philologen einen dramatischen Verfall der Rechtschreibkenntnisse bei deutschen Schülern. So hat Wolfgang Steinig, Professor für Germanistik an der Uni Siegen, beim Vergleich von Schulaufsätzen festgestellt, dass Schüler 2012 zwar kreativer schreiben, aber mehr als doppelt so viele Rechtschreibfehler machen wie 1972.

Und auch in Mathematik erfüllen immer weniger die Mindeststandards. Das zeigte nicht zuletzt der vom Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Kultusministerkonferenz erhobene Bildungstrend 2016. Danach erreicht gerade mal etwas mehr als die Hälfte der Viertklässler den Regelstandard beim Schreiben, etwa zwei Drittel beim Lesen und Zuhören. Nur 62 Prozent der Viertklässler haben bundesweit in Mathematik die von der Kultusministerkonferenz vorgesehenen Mindeststandards erreicht. Neben Bremen liefert Berlin in Sachen Bildung ein besonders trauriges Bild. 28 Prozent der Berliner Schüler sind laut IQB-Studie in Mathe so schwach, dass sie die Mindestanforderungen nicht erreichen, in Rechtschreibung sind es sogar 34 Prozent.

Die aktuellen Ergebnisse der Vergleichsarbeiten, die Berliner Drittklässler unter dem Namen Vera 3 schreiben und die dem „Tagesspiegel“ vor der offiziellen Veröffentlichung in der kommenden Woche bereits vorliegen, sind noch weit dramatischer. 24.000 Grundschüler nahmen teil, drei Viertel von ihnen erreichten die Regelstandards im Bereich Rechtschreibung nicht. Die Hälfte kommt nicht an die Mindestanforderungen heran.

Auch in Mathematik sieht es düster aus. Beim Thema „Größen und Messen“ waren für mehr als ein Drittel die einfachsten Aufgaben zu schwer.

Eigentlich wären diese Zahlen unter Verschluss geblieben. Die Vera-Ergebnisse, so die Begründung, seien nur für den schulinternen Gebrauch vorgesehen. Dem aktuellen Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Auskunftsrechten von Abgeordneten (Az. 2 BvE 2/11) ist es zu verdanken, dass Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Zahlen veröffentlicht. Der Neuköllner SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrick hatte in einer entsprechenden Anfrage die Politikerin dazu aufgefordert.

Wie zu erwarten, fallen die Ergebnisse für Kinder mit deutscher und nicht deutscher Herkunftssprache unterschiedlich aus. Doch auch für deutschsprachige Schüler sind die Zahlen alarmierend: In Rechtschreibung erreichten nur fünf Prozent den „Optimalstandard“, 40 Prozent liegen auf der untersten Stufe. 60 Prozent der Kinder mit einer anderen Muttersprache blieben unter dem Mindeststandard.

In Mathematik waren beim Thema „Größen und Messen“ der Hälfte der nicht deutschsprachigen Kinder die einfachsten Aufgaben zu schwer.

Für die Ergebnisse lassen sich unterschiedliche Gründe finden. Dass geflüchtete Kinder nicht mehr in sogenannten Willkommensklassen unterrichtet werden, sondern auch im regulären Schulbetrieb, könnte nur einer sein.

Bildungsexperten führen die schlechten Rechtschreibkenntnisse deutscher Schüler auf eine zu lange Anwendung der Methode „Schreiben lernen nach Gehör“ zurück. Sie wurde vor einigen Jahren in allen Bundesländern eingeführt und erlaubte den ABC-Schützen in den ersten Grundschuljahren, statt „Butter“ „Buda“ zu schreiben, statt „Tor“ „Toa“

Eltern sollten nicht korrigieren, damit die Kinder nicht die Lust verlieren. Dass die Kinder das Bewusstsein für die richtige Schreibweise verlieren beziehungsweise gar nicht erst erlangen, wurde Lehrern erst allmählich klar. Auch wenn sich mittlerweile einige Bundesländer von der Methode verabschiedet haben – die Folgen bleiben und zeigen sich in Leistungskontrollen und Bildungsstudien.

Die Auswüchse eines mangelhaften Rechtschreibunterrichts erreichen auch die Universitäten. So stellt das Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen (UDE) mit Sorge fest, dass unter den Lehramtsstudenten für das Fach Deutsch deutliche Defizite im Bereich Rechtschreibung und Grammatik vorliegen. Mittlerweile bietet die Universität gezielte Projekte an, bei denen die Sprachkompetenzen von Lehramtsstudenten verbessert werden.


https://www.welt.de/vermischtes/article173478093/Bildungspolitik-Grundschueler-koennen-nicht-mehr-richtig-schreiben.html
http://www.tagesspiegel.de/berlin/geheime-daten-des-senats-berlins-drittklaessler-koennen-nicht-schreiben/20950606.html

;-)
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon Bumblebee » Dienstag, 13. Februar 2018, 10:08:29

Das Schreiben nach Anlauttabelle wird hier leider immer noch propagiert und praktiziert.
Schlimm ist, dass es durchaus Lehrkräfte gibt, die diesen Unfug auch noch für zielführend halten...

Die meisten Lehrwerke sind darauf ausgelegt. Wer von den Lehrern mehrere Ansätze verwenden möchte, muss massivst Materialien zuschießen. Das tun viele, aber leider nicht alle.

Ein weiteres Problem ist unter anderem, dass ein Großteil aller Schulanfänger, auch der deutschen Muttersprachler, schon nicht richtig, d.h. deutlich artikuliert sprechen kann.
Schreiben nach Gehör kann aber nur funktionieren, wenn die Lernenden "gut" sprechen und gut hören können.

Unsere Sprachheiltherapeutin sagte dazu: Die lernstarken Kinder lernen möglicherweise wirklich mit Anlauttabelle richtig zu schreiben. Nur hätten sie es auch auf jede andere Art und Weise gelernt. Alle anderen fallen leider dabei "hinten runter".

Ich selbst war schon im Gymnasium von den nicht vorhandenen Orthographiekenntnissen der Schüler aller Jahrgangsstufen entsetzt. Das Problem kommt aus der Grundschule, da bin ich mir sicher. Leider ist es in den weiterführenden Schulen zu spät, um noch großartig gegenzusteuern. Die Zeit ist gar nicht da. Das wird dann bis zum Abitur mit "LRS" entschuldigt und mit der "Entnahme" der Rechtschreibung aus der Benotung belohnt. Daher befindet sich das Problem jetzt in den Hochschulen.

Aussagen von Verfechtern (Erfindern) des Schreibens nach Gehörs wie "Am Ende der Grundschule konnten Sie auch nicht schreiben" halte ich für schlicht falsch und sehr gefährlich. Selbst diejenigen meiner Klassenkameraden der Grundschule, die lediglich die Hauptschule absolviert haben -das meine ich nicht abwertend - schreiben bis heute fehlerfrei, sogar bei Facebook.

Ein weiteres Problem ist, dass an der Rechtschreibung auch das sinnentnehmende Lesen hängt. Ich habe mittlerweile mit Viertklässlern zu tun, die quasi Analphabeten sind. Nicht einmal einfache Aussagesätze werden "verstanden".
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon GraueEminenz » Dienstag, 13. Februar 2018, 10:16:13

Ich sehe einen Teil des Problems bei der elektronischen Kommunikation. Da wird Kauderwelsch geschrieben und vom Empfänger nicht nur verstanden, sondern auch akzeptiert. "Ich habe ein Freund...", "Undzwar...", "garnicht" und so weiter. Bücher werden überhaupt nicht mehr gelesen, man zieht sich das lieber als Clip online rein.
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon wurstcase » Dienstag, 13. Februar 2018, 10:23:56

Wenn ich tatsächlich ernsthaft damit rechnen würde, jemals eine Rente zu sehen, würde mich die Situation vielleicht ärgern. Andererseits kann man darauf wetten, dass in 30 Jahren ohnehin keine menschliche Arbeitskraft mehr benötigt wird und man solche Leute nur noch mästen und direkt zu Soylent Grün verarbeiten kann.

Vielleicht helfen ja auf die eine oder andere Weise Elektrolyte ;-)

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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon Loki » Dienstag, 13. Februar 2018, 16:39:22

"Buda" ist ja nicht mal nach Gehoer richtig. (-;
Weine nicht um deine Liebe, ich trau're selbst nicht. Der Traum der Liebe zerbrach an der Realitaet, die Realitaet zerbrach an unser‘n Leben. So gehen sie einher; die Liebe, die Trauer - zerbrochen an der grausamen Realitaet.
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon Bumblebee » Dienstag, 13. Februar 2018, 19:41:51

Loki hat geschrieben:"Buda" ist ja nicht mal nach Gehoer richtig. (-;


Doch, ist es, jedenfalls gemäß den gängigen Anlauttabellen und den vorhandenen Phonemen. "-er" wird nicht als [er] gesprochen, das [a] passt schon, der Laut heißt "Schwa" und ist eigentlich auch kein [a], aber näher kommt man nicht dran, wenn man keine phonetischen Zeichen schreibt. Kinder müssen kognitiv erfassen, wie man ihn schreibt. Das klappt halt nur leider selten bis nicht.

Deutsch hat leider nur eine sehr geringe Kongruenz zwischen Graphemen und Phonemen. Das ist in anderen Sprachen anders, kann aber sogar noch schlimmer sein, wenn man es so sagen will. Das ist u.a. unserem Alphabet geschuldet, das für viele Laute gar keine Entsprechungen hat und für andere wiederum gleich mehrere Realisationen kennt.
Ich verstehe den Gedanken hinter dem Schreiben nach Gehört durchaus, aber ich weiß sicher, dass es nicht funktioniert und welche gehirnphysiologischen Probleme es birgt. Leider wollen das die Pädagogen, die Sprachwissenschaftler spielen, nicht wahr haben. Sogar der eigentliche Erfinder, Jürgen Reichen, der aus der Schweiz stammt und in Hamburg als Reformpädagoge tätig war, hat irgendwann eingesehen und zugegeben, dass es nicht funktioniert.

Mein Problem ist jetzt noch zusätzlich, dass die Kinder auch versuchen, Englisch phonetisch zu schreiben. Vokabeln schlicht und einfach mal zu lernen und zu üben ist nämlich auch out. Ebenso wie das Auswendiglernen des Einmalseins.
Und ja, ich liebe meine Arbeit. Aber ich hoffe inständig auf die Rücknahme manch' moderner Lehransätze.
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon Loki » Dienstag, 13. Februar 2018, 22:13:59

Bumblebee hat geschrieben:
Loki hat geschrieben:"Buda" ist ja nicht mal nach Gehoer richtig. (-;


Doch, ist es, jedenfalls gemäß den gängigen Anlauttabellen und den vorhandenen Phonemen. "-er" wird nicht als [er] gesprochen, das [a] passt schon, der Laut heißt "Schwa" und ist eigentlich auch kein [a], aber näher kommt man nicht dran, wenn man keine phonetischen Zeichen schreibt. Kinder müssen kognitiv erfassen, wie man ihn schreibt. Das klappt halt nur leider selten bis nicht.

Deutsch hat leider nur eine sehr geringe Kongruenz zwischen Graphemen und Phonemen. Das ist in anderen Sprachen anders, kann aber sogar noch schlimmer sein, wenn man es so sagen will. Das ist u.a. unserem Alphabet geschuldet, das für viele Laute gar keine Entsprechungen hat und für andere wiederum gleich mehrere Realisationen kennt.
Ich verstehe den Gedanken hinter dem Schreiben nach Gehört durchaus, aber ich weiß sicher, dass es nicht funktioniert und welche gehirnphysiologischen Probleme es birgt. Leider wollen das die Pädagogen, die Sprachwissenschaftler spielen, nicht wahr haben. Sogar der eigentliche Erfinder, Jürgen Reichen, der aus der Schweiz stammt und in Hamburg als Reformpädagoge tätig war, hat irgendwann eingesehen und zugegeben, dass es nicht funktioniert.

Mein Problem ist jetzt noch zusätzlich, dass die Kinder auch versuchen, Englisch phonetisch zu schreiben. Vokabeln schlicht und einfach mal zu lernen und zu üben ist nämlich auch out. Ebenso wie das Auswendiglernen des Einmalseins.
Und ja, ich liebe meine Arbeit. Aber ich hoffe inständig auf die Rücknahme manch' moderner Lehransätze.


Aber es ist doch BuT-Ter, und das word dann Bu-Da?
Ha-ha, als Ami kann ich darueber nur lachen, wenn man das nach Gehoer schreiben will. Salmon - let's go!
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon Bumblebee » Mittwoch, 14. Februar 2018, 14:22:30

Ja, "Buda" ist schon in Ordnung, als phonetische Schreibung.
Man hört zwar meiner Meinung nach durchaus ein [t], vielleicht spricht das Kind aber schlecht oder wuchs mit einem Dialekt auf.
"Butter" ist die erlernte, orthographische Schreibweise. Da kommt die fehlende Kongruenz von Lauten und Buchstaben ins Spiel.

Und ja, ich stimme jeglicher Kritik zu. Es hat keinerlei Vorteil, Kinder überhaupt phonetisch schreiben zu lassen und die Rechtschreibung erst später mühsam und wenig erfolgreich nachzuarbeiten.
Zuletzt geändert von Bumblebee am Mittwoch, 14. Februar 2018, 16:51:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon wurstcase » Mittwoch, 14. Februar 2018, 15:15:58

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Re: Grundschüler können nicht mehr richtig schreiben

Beitragvon Bumblebee » Mittwoch, 14. Februar 2018, 16:54:43



Wie fein, denen bringen wir jetzt Deutsch nach Gehör bei. Klingt nach einem tollen Plan. :roll:
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