Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

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Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon wurstcase » Freitag, 13. April 2018, 08:46:52

Normalerweise engagiert sich Christel Kelm für die bestmögliche Förderung ihrer Schüler. Kelm ist Schulleiterin des Gymnasiums Horn in Bremen. Eine klasse Schule, die ihre Schüler in Forscherlabore entsendet, das deutsch-französische "Abi-Bac" anbietet und sich für Chinesischlehrer öffnet. Aber nun erlahmt Kelms Lust auf Förderung. Sie hat das Land Bremen verklagt, weil sie keine Kinder mit Handicaps an ihrer Schule haben will. Für fünf behinderte Kinder soll das Gymnasium Horn verschlossen bleiben.

Was die Gymnasialleiterin da an den Tag legt, kann man mit dem Verhalten eines Warlords im Schurkenstaat vergleichen: Sie missachtet die Menschenrechte, in diesem Fall die von Behinderten. Sie trägt natürlich keinen Tarnanzug und hat keine Kalaschnikow im Anschlag. Aber auch im Kostüm kann frau gegen eine bindende UN-Konvention verstoßen - hier gegen das "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen".

Es geht darin unter anderem darum, dass jeder behinderte Mensch das Recht auf den Besuch der Regelschule hat - und nicht in Sonderschulen separiert werden darf. Deutschland hat diese Konvention ratifiziert, das heißt: Kinder mit Handicaps dürfen sich die Schule aussuchen, an der sie lernen wollen. Selbstverständlich gilt diese Konvention auch in Bremen. Kein Land der Welt kann sich herauspicken, welche UN-Deklaration es einhält. Das gilt genauso für das Gymnasium Horn.

Die beste Förderung - für alle Kinder
Kelm beruft sich auf eine landestypische Besonderheit. "Der Unterricht im Gymnasium berücksichtigt die Lernfähigkeit der Schülerinnen und Schüler mit einem erhöhten Lerntempo", steht im lokalen Bremer Schulgesetz. Mit diesem Passus kämpft das Gymnasium Horn dagegen, dass in einer ihrer Klassen neben 19 klassischen Gymnasiasten auch fünf Kinder Platz nehmen, die eine Beeinträchtigung in "Wahrnehmung und Entwicklung" (W+E) haben, die also geistige und körperliche Behinderungen haben.

Als Leiterin eines Gymnasiums soll sich Christel Kelm gern um ihre Institution sorgen. Von ihr als Pädagogin muss man allerdings erwarten, dass sie ihren Job macht: das heißt, Schülern die beste Förderung zuteil werden lässt, allen Kindern wohlgemerkt - auch sogenannten "W+E-Kindern" mit Beeinträchtigungen, dazu rechnet man zum Beispiel autistisch veranlagte Kinder oder solche mit Inselbegabungen.

Schulleiterin Kelm kann sich auf das ungesunde Volksempfinden berufen. "Schwachsinnige auf dem Gymnasium, jetzt reicht's!" So lautet - etwas zugespitzt - derzeit die Haltung zur Inklusion, zum gemeinsamen Unterricht für alle Kinder, auch die besonderen. Immer wieder beklagen sich Eltern darüber, dass ihr gesundes Kind in der Schule am Lernen gehindert wird, weil ein verhaltensorigineller oder gehandicapter Mitschüler wahlweise zu langsam, zu laut oder zu lustig ist. Die Landeselternschaft der Gymnasien in Nordrhein-Westfalen etwa stützt den Kampf gegen Inklusion. In NRW und Schleswig-Holstein haben CDU und FDP sogar die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, die Inklusion zu überdenken. Wie kann man die Einhaltung von Menschenrechten, bitte, überdenken?

Das Ende der Schultrennung
Es sind - das gehört zur ganzen Wahrheit - manchmal auch die Eltern behinderter Kinder selbst, die sich gegen Inklusion stellen. Sie bevorzugen für ihr Kind den Schonraum spezieller Förderschulen. Das sei ihnen unbenommen. Aber eine Gesellschaft kann nicht kollektiv auf die Einhaltung von Menschenrechten verzichten, nur weil Einzelne es tun. Neben Rosa Parks saßen einst im Bus Schwarze, die ihre Sitzreihe für einen Weißen räumten. Das änderte nichts daran, dass Parks die Courage hatte, sitzen zu bleiben - und so das Ende der Rassentrennung einläutete.

Ganz so spektakulär klingt der Fall aus Bremen zunächst nicht. Tatsächlich aber hat er für deutsche Schulen eine Bedeutung, die gar nicht abschätzbar ist. Wenn Christel Kelm mit ihrer Klage gegen die fünf besonderen Kinder recht bekommt, dann hätte sich ein deutsches Gericht über die UN-Konvention hinweggesetzt. Es wäre damit legalisiert, dass das gegliederte Schulwesen gegen die UN-Konvention verstößt. Denn hierzulande werden seit Jahr und Tag Schüler nach ihrer - angeblichen - geistigen Leistungsfähigkeit in verschieden gute Schulen sortiert.

Unterliegt die Schulleiterin aber, dann lernen demnächst fünf Rosa Parks in einem erstklassigen deutschen Gymnasium. Wollen wir hoffen, dass sich die Bremer Helden mit Handicaps nicht mehr vertreiben oder abschulen lassen. Mit ihnen wäre das Ende der Schultrennung in Deutschland eingeläutet.


http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/bremen-schulleiterin-klagt-gegen-inklusion-ungesundes-volksempfinden-a-1202590.html

Verhaltensoriginelle Helden mit Handicaps - ich geh kaputt ;-)
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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon Loki » Freitag, 13. April 2018, 10:53:59

Das geht so oder so schief - Deutschland ist so schon zu dumm, das Bildungssystem gut am laufen zu halten, und dann kommen sie noch mit der Inklusion an. Laecherlich.
Weine nicht um deine Liebe, ich trau're selbst nicht. Der Traum der Liebe zerbrach an der Realitaet, die Realitaet zerbrach an unser‘n Leben. So gehen sie einher; die Liebe, die Trauer - zerbrochen an der grausamen Realitaet.

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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon wurstcase » Freitag, 13. April 2018, 11:17:33

Ist halt das Menschenrecht auf Gleichberechtigung. Insofern: Guten Flug:

Bild

;-)

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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon Bumblebee » Freitag, 13. April 2018, 16:12:40

Das habe ich gestern bei Spiegel oder Stern.de gelesen. Allerdings war es ein Kommentar dazu. Leider wurde von sehr vielen Leuten nicht verstanden, dass es nicht um Kinder geht, die "nur" eine körperliche Beeinträchtigung haben, mental aber vollständig gesund sind, sondern um mehrfach körperlich und auch geistig beeinträchtigte SchülerInnen.

Im Primarbereich erschließt sich mir der Inklusionsgedanke durchaus - auch wenn die praktische Umsetzung sehr, sehr stark verbesserungswürdig ist. Hier besteht auch in vielen Fällen noch die Möglichkeit, Kinder z.B. nicht lernzielgleich zu unterrichten. Allerdings dachte ich, es sei völlig logisch, dass jemand, der z.B. im vierten Schuljahr gerade so im Zahlenraum bis 100 sicher rechnen kann, kein Abitur bekommen kann und wird. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach wird es da sogar mit einem Hauptschulabschluss und auch einer schulisch-theoretischen Ausbildung schwierig. Bei rein praktischen Tätigkeiten mag das anders sein.

Daher kann ich den Gedankengang der Schulleiterin ganz und gar nachvollziehen. Gymnasien sind weder personell, noch strukturell darauf ausgelegt, SchülerInnen mit schwerer geistiger Beeinträchtigung zum Abitur zu führen. Das geht schlicht und einfach nicht.
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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon GraueEminenz » Freitag, 13. April 2018, 21:55:44

Der Schuster muß auch bei seinen Leisten bleiben. Das mag ihm schwer fallen, macht aber irgendwo auch Sinn.
Als ich nach 9 Semestern Studium eine Prüfung zum 3. Mal versemmelt habe, war ich am Boden zerstört . Im Nachhinein war es genau richtig so. Ich wäre der beschissenste Ing. geworden, den man sich nur vorstellen kann. Dafür bin ich als Techniker, den ich nachgeschoben habe, aber mindestens passabel.
Es erschließt sich mir einfach nicht, was beeinträchtigte Menschen an einem Gymnasium zu suchen haben. Damit man sie nicht ausschließt ??? Danke @wurstcase an dieser Stelle für das Bild. Es sagt mehr als 1000 Worte von mir.
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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon wurstcase » Samstag, 14. April 2018, 01:37:40

Im Primarbereich erschließt sich mir der Inklusionsgedanke durchaus

Inwiefern beeinträchtigt dies deiner Erfahrung nach die anderen Kind in ihrem Lernerfolg?

In meiner Grundschule gab es damals diesen einen Jungen, der meiner heutigen Meinung nach besser eine Sonderschule besucht hätte. Mehrere dieser Sorte wären sicherlich für eine vernünftige Grundschulausbildung für die anderen Schüler nicht tragbar gewesen.
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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon Jelly » Samstag, 14. April 2018, 12:16:39

Inklusion - damit die Menschen mit Behinderung billiger werden.

Die Förderschullehrer die ich kenne haben sich deutlich dagegen ausgesprochen, weil zwei Stunden für die individuelle Förderung einfach nicht reichen. Und ohne die Versinken die Leute vollkommen im Chaos.

Ich verstehe die Eltern nicht, die ihre Kinder dazu zwingen versagen zu werden. Zumal Mobbing da glaube ich auch noch kommen wird.
"In my restless dreams I see that town... Silent Hill." - Mary Sunderland

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Re: Gymnasium gegen Inklusion - "Ungesundes Volksempfinden"

Beitragvon Bumblebee » Samstag, 14. April 2018, 14:56:12

wurstcase hat geschrieben:
Im Primarbereich erschließt sich mir der Inklusionsgedanke durchaus

Inwiefern beeinträchtigt dies deiner Erfahrung nach die anderen Kind in ihrem Lernerfolg?

In meiner Grundschule gab es damals diesen einen Jungen, der meiner heutigen Meinung nach besser eine Sonderschule besucht hätte. Mehrere dieser Sorte wären sicherlich für eine vernünftige Grundschulausbildung für die anderen Schüler nicht tragbar gewesen.


Ein Kind ist in einer ansonsten "normal" zusammengesetzten Klasse tragbar und notfalls auch alleine zu managen. Die versprochenen Sonderpädagogen, Erzieher, I-Helfer, etc. gibt es nämlich nicht oder nur mit lächerlich geringen Stundenzahlen.

Mehrere Kinder in der Klasse, vorallem, wenn sie Schwierigkeiten mit der Selbstdisziplin oder/und im sozial-emotionalen Bereich haben, sind für mich alleine nicht so versorgbar, dass die anderen Kinder nicht massiv darunter zu leiden haben.
Es kommt auf die individuelle Disposition des/der jeweiligen Schüler(s) an. Prinzipiel sind die "verhaltensoriginellen" Kinder die schwierigsten, weil weder Erklärungen, noch Appelle noch Sanktionen etwas nützen und auch Eltern irgendwann die Kooperationsbereitschaft und auch -fähigkeit verlieren.

Es kommt leider auch häufiger vor, als man denkt, dass sich Eltern mit Händen und Füßen gehen eine "Statusänderung" oder Rückversetzung des Kindes wehren. Das ist den Kindern gegenüber extrem unfair.

Ich selbst und die allermeisten anderen Lehrkräfte sind halt auch überhaupt nicht im Umgang mit Inklusionsfällen ausgebildet. Das ist learning by doing, trial and error, bis man einen Weg gefunden hat, der zu funktionieren scheint. Das kann von Fall zu Fall sehr unterschiedlich aussehen.
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